Raum für Innovation schaffen

Digitalisierung, Disruption und Innovation sind in aller Munde. Doch kann alles disruptiv sein? Wie kann Innovation im Alltag gelingen?

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Was ist Innovation?

Bevor man sich damit beschäftigt, wie Innovation gelingen kann, ist ein gemeinsames Verständnis wichtig. Schlägt man die Definition im Lexikon nach, stößt man auf folgendes Ergebnis:

Der Vorgang, dass durch Anwendung neuer Verfahren und die Einführung neuer Techniken ein Bereich erneuert und auf den neuesten Stand gebracht wird.

Eine sehr trockene, unemotionale Vorstellung von Innovation.

Innovation im Film

Bei dem Begriff „Innovation“ kommen einem sehr schnell lebendigere Bilder in den Sinn. Ob die legendäre Sprachsteuerung in Star Trek („Computer“) oder die zahlreichen effektgeladenen, gestengesteuerten Interfaces in Minority Report – Zukunftsvisionen sind untrennbares Stilmittel zahlreicher Filme und Serien. Dabei verfolgen die kreativen Schöpfer ein Ziel: mitreißende Geschichten zu erzählen und mit revolutionärer Technik zu fesseln. 

Unrealistische Zukunftsvision?

Teile dieser damals unrealistischen Zukunftsvisionen haben mittlerweile in unseren Alltag gefunden. Alexa, die intelligente Sprachsteuerung von Amazon, hört auf Wunsch auch auf „Computer“ und wartet darauf, unsere Befehle entgegenzunehmen. Das Konzept des Ubiquitous Computing aus Minority Report findet in prototypischen Technologien wie Google Glass, aber auch in aktuellen Virtual-Reality-Trends Anwendung. 

Ist Revolution das Ziel?

Einst revolutionäre Ideen werden also Realität. Doch kann eine Revolution unser tägliches Ziel sein? Und ist diese Revolution überhaupt planbar?

Aktionismus und Buzzwording

Klar. Am Ende wünscht man sich die Weltveränderung. Wenn man allerdings jeden Tag mit diesem konkreten Ziel beginnt, merkt man vor allem eins: Der Drang nach Revolution setzt unter Druck. Und kann sehr lähmend sein.

Aktionismus ist die Folge. Man möchte den Erwartungen ja gerecht werden und etwas vorweisen. Ideen am Fließband und Buzzwording (Digitalisierung, Transformation, Disruption ...) vernebeln aber nur den Blick für die wichtige, langfristige Veränderung von Denk- und Geschäftsprozessen.

Innovationsvortrag von medienreaktor bei der „Digitalgalaxie“ im IGZ Bamberg

Technische Innovation als Prozess

Revolutionäre Veränderung durch Innovation ist im Vorfeld schwer zu erkennen. Kann sie also das alltägliche Ziel sein?

There’s no chance that the iPhone is going to get any significant market share.

Steve Ballmer, Microsoft

Apples iPhone hat den Markt komplett verändert. Im Nachhinein betrachtet. Zur Markteinführung gab es sehr wohl Zweifler. Allen voran Microsofts vielzitierter Steve Ballmer. Technologische Neuerungen durchlaufen einen Kreislauf.

Eine mögliche Visualisierung liefert der Gartner Hype Cycle. Er macht sichtbar, welche Phasen der Aufmerksamkeit und Erwartung eine neue Technologie durchläuft. Bis eine Technologie das „Plateu der Produktivität“ erreicht und ihre Vorteile allgemein anerkannt und akzeptiert werden, dauert es eine Zeit.

Technologien im Gartner Hype Cycle (vgl. gartner.com/technology/research/methodologies/hype-cycle.jsp)

Was ist das Ziel?

Wenn die Revolution durch Innovation selbst nicht unser alltägliches Ziel ist – was ist es dann? 

Das Umfeld für Innovationen

Ziel ist es, das passende Umfeld zu schaffen. Um Innovation zu erkennen und ihr den nötigen Nährboden zu geben. Es geht darum, Chancen überhaupt zu begreifen, weil man offen für sie ist. Dafür ist vor allem das Erkennen von Zusammenhängen nötig. Es geht nicht um den Selbstzweck, sondern darum, Nutzen zu stiften. Ansätze wie Design Thinking helfen dabei, konkrete Lösungen zu finden, die aus Anwendersicht überzeugend sind. 

Was sind die Voraussetzungen?

Werden wir konkret. Das sind unsere fünf Punkte für ein innovationsfreundliches Umfeld. 

1. Mindset

Erst eine gemeinsame Denkweise macht Innovation möglich. Dabei dürfen wir bestehende Dinge immer wieder infrage stellen.

In einer innovationsfreundlichen Kultur gibt es keine Denkverbote. Dazu gehört auch die Bereitschaft zum Scheitern in Kombination mit einem positiven Bild der Zukunft. Nur wer sich frei macht von lähmenden Ängsten, kann kreative Prozesse voll ausschöpfen.

2. Nutzerfokus

Innovation ist kein Selbstzweck. Echte Innovation löst echte Probleme. Dazu müssen wir das Nutzererlebnis in den Mittelpunkt rücken. Durch regelmäßige Entwicklung und Testen von Prototypen können wir Ideen in kurzer Zeit auf ihre Problemlösungsqualität prüfen. So merken wir schnell, was funktioniert und was nicht. Und was vielleicht nicht nur funktioniert, sondern auch begeistert. 

3. Perspektive

Wer immer in dieselbe Richtung blickt, verpasst Innovation. Neue Perspektiven sind unerlässlich. Kreativitätstechniken wie Design Thinking helfen – sind aber nur die halbe Miete. Die vielleicht wertvollste Inspiration ist der Austausch mit anderen Menschen.Mit anderen Erfahrungen und damit anderen Denkweisen. Hat man jetzt noch eine Strategie dafür, wie man neue Konzepte auf seine eigenen Probleme überträgt, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen geschaffen. 

4. Agilität

Agilität ist nicht nur Methodenkompetenz (Scrum etc.). Es geht darum, gedanklich flexibel zu bleiben und schnelle Entscheidungsroutinen zu leben. Nur so kann man Overengineering vermeiden. Man bohrt plötzlich nicht mehr mit allen Ressourcen in die Tiefe bei einem konkreten Problem. Sondern ist in der Lage, in kurzen Iterationen unterschiedliche Lösungsansätze zu prüfen. So wird es möglich, völlig neue Konzepte zu erkennen und zu bewerten. 

5. Raum

Last but not least: Innovation braucht einfach Raum. Kreative Teams benötigen Zeit für Experimente. Das Gründen von Innovation Labs, also eigenen Abteilungen für das Thema, ist eine Möglichkeit. Wichtig ist, dass möglichst interdisziplinäre Teams Verantwortung und Freiraum für Innovation haben. Das gelingt nur, wenn Innovation als Chefsache begriffen wird. Nur die Führung kann diese Freiheiten ermöglichen und Innovationsteams Vertrauen schenken. Es lohnt sich. 

Was tun wir für Innovation?

Am Ende des Tages sollen diese Gedanken im Alltag ankommen. Damit die Voraussetzungen geschaffen sind und Innovation nicht im Tagesgeschäft untergeht. Hier sind unsere Gehversuche zum Thema Innovation im Agenturalltag.

Zuhören

Wann immer es geht, gönnen wir uns einen Blick von Außen. Wir holen uns z. B. einen erfahrenen Prozessberater ins Haus. Und hören zu. Skizzieren unsere Prozesse auf und trauen uns, Dinge über den Haufen zu werfen. Dabei treffen Jahrzehnte an Erfahrung aus der Industrie auf ein junges Agenturteam – der perfekte Perspektivwechsel. Beide Seiten profitieren.

Die wertvolle Arbeit mit einem erfahrenen Prozessberater

Rausgehen

Das OFFF Festival in Barcelona war einfach nur inspirierend. Und eine Chance, die eigene Komfortzone zu verlassen.

Get out of the comfort zone and do stuff that makes you nervous …

Tausende Designer und Kreative aus aller Welt treffen sich zum Austausch in Kataloniens Hauptstadt. Die Stadt, die Vorträge, die Kultur – Inspiration pur.

Die OFFF-Konferenz in Barcelona

Experimentieren

Seit einiger Zeit gibt es eine feste Institution im Agenturleben bei medienreaktor: den Freaky Friday. Einmal im Monat haben alle die Chance, einen Tag lang ein Wunschprojekt anzugehen. Einzige Vorgabe: Es darf nichts mit einem Kundenauftrag zu tun haben. So entstehen neue Ideen und Konzepte. Es werden neue Technologien ausprobiert und wir lernen voneinander. Die Ergebnisse werden allen im Team präsentiert. 

Testen

Die besten Ergebnisse unserer Freaky Fridays werden nicht nur gefeiert. Sie werden ausgewählt und in kurzen Sprints mit kleinen Teams weiterentwickelt. So haben wir die Chance, schnell zu testen, ob die Idee etwas taugt und welche Probleme sie lösen kann. 

Die vielversprechendsten Konzepte fließen dann wieder zurück in unseren Agenturalltag und verbessern unsere Prozesse und Produkte. Bei einem Sprint orientieren wir uns grob am Scrum-Konzept. Halten uns aber nicht sklavisch daran. In der nächsten Runde möchten wir gerne das Konzept des Design Sprint von Google ausprobieren. 

Austauschen

Zu guter Letzt umgeben wir uns gerne mit Menschen, die ähnliche Probleme haben. Ohne Angst vor Ideenklau, sondern mit der Lust auf Erfahrungsaustausch. Wir besuchen Agenturevents in der Region oder laden selbst dazu ein. So haben wir die Einweihung unserer neuen Räume mit einem OWUG-Stammtisch (Open Web User Group) verbunden und selbst Vorträge gehalten. 

Dabei geht es nicht darum, die eine Lösung zu präsentieren, sondern Impulse zu liefern und Fragen zu diskutieren. Das hilft einem ungemein dabei, aus der Komfortzone herauszukommen und zu merken, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist. Und es macht einfach Spaß. 

Der OWUG bei medienreaktor

Fazit

Innovation passiert nicht von heute auf morgen. Mit der richtigen Denke und dem passenden Umfeld kann man Chancen erkennen und ergreifen. Bleibt man dabei offen und beweglich, findet man schnell heraus, was tolle Lösungen sind.

Und es macht sogar noch Spaß. Let’s innovate!

Dieser Vortrag wurde von medienreaktor im Rahmen der Digitalgalaxie in Kooperation mit bytabo gehalten.